Der kreative Träumer und der organisierte Perfektionist | Hallowil.ch

2022-10-11 02:31:42 By : Ms. Minidy Chen

Am Freitag treten Weniger Egli mit ihrem neuen Programm «Alles aber besser» in der Flawiler Spurbar auf. hallowil.ch hat im Vorfeld der Premiere mit den beiden Künstlern über ihr neues Stück, ihre 50-jährige Freundschaft, ihr Leben und ihren Berufsalltag am Gericht geredet. Ein Porträt.

Seit bald 40 Jahren singen und erzählen Wolfgang Egli und Daniel Weniger als Duo Weniger Egli vom Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Ihre Lieder sind witzig. Aber auch tiefgründig. Bissig. Und nachdenklich. Ihre Lieder begleiten sie mit Dialogen – diese basieren auf Beobachtungen im Alltag. Den menschlichen Alltag kommentieren sie nicht selten mit Ironie und Sarkasmus. «Wir ergänzen uns ideal», sagt Weniger. Egli ist als Liedermacher für alle Songs und die Texte für die Auftritte verantwortlich. «Alles, was wir auf der Bühne zeigen, stammt aus seinen Federn», betont Weniger, der sich eher um das Organisatorische und Administrative kümmert. So habe jeder seinen Aufgabenbereich. Und damit hat das Duo Erfolg. «Sie wollen wissen, was unser Erfolgsgeheimnis ist?», wiederholt Egli die Frage. Beide blicken zur Decke. Sie denken einen Augenblick nach. «Vielleicht weil wir uns nie entschieden haben, die Musik als Hauptberuf auszuüben», antwortet Weniger. Die Musik und das Kabarett seien für sie Hobbies und damit keine Verpflichtung. «Wir haben diesen Druck nicht», erklärt Weniger weiter. Und das sei für ihre kreative Arbeit von grosser Bedeutung. «Immerhin haben wir nie das Gefühl, dass wir ein erfolgreiches Programm auf die Beine stellen müssen», führt er weiter aus, «wir dürfen».

Das Zimmer mit den Holzwänden ist ein kleines Tonstudio. In der einen Raumhälfte steht ein Ecktisch mit Misch- und Aufnahmepult. Vis à vis sind fünf Gitarren an einer Wand angelegt. Dahinter ist ein älteres Plakat von Weniger Egli aufgehängt. Rechts davon steht ein Klavier sowie ein Keyboard. In der Ecke, bei dem das Klavier steht, hängen weitere vier Gitarren an der Wand. Die beiden Flawiler Mundartmusiker sitzen mit je einer Gitarre in der Hand nebeneinander. Sie stimmen ihre Instrumente ein. Weniger blickt kurz zu seinem Kollegen. Ohne irgendein Zeichen beginnen sie zu musizieren.

Am Freitag findet die Premiere ihres neuen Programms «Alles aber besser» statt. In der Flawiler «Spurbar» möchten Weniger Egli ihr neues, etwa 100-minütiges Stück vorstellen. Lange habe es gedauert bis sie sich definitiv für das zentrale Thema entschieden haben. «Man hat uns vorgeschlagen, unser Leben in das Programm einzubauen», erzählt Egli. Beide seien anfangs noch unsicher gewesen, ob und wie sie ihre Lebensgeschichte in den Liedern und Texten erzählen wollen. «Das eigene Leben findet doch jeder irgendwie unspektakulär und normal», meint Egli. Ihnen gehe es aber nicht darum, sich in den Mittelpunkt zu rücken und ausschliesslich über sich zu reden. «Wir wollen nicht als zwei ältere Herren abgestempelt werden, die von früheren Jahrzehnten reden», führt Egli weiter aus und lacht. Viel eher gehe es ihnen darum, einzelne Ereignisse aus ihrem Leben mit Wörtern zu projizieren. «Uns liegt es am Herzen, dass sich jeder Zuschauer in unserer Geschichte wiedererkennt», sagt Weniger. Das neue Programm solle die Zuschauer unterhalten, zum Lachen bringen, zum Nachdenken anregen und nicht zuletzt einen schönen Abend bescheren. «Wir Menschen vergessen so vieles, das in unserem Leben passiert ist», sagt Egli, «mit dem neuen Programm können wir einiges einfach Revue passieren lassen.»

Bereits um 18 Uhr sind die Strassen in Flawil stockdunkel. Unweit von der Wilerstrasse befindet sich das gemeinsame Haus von Egli und Weniger. «In der Dunkelheit ist unser Haus nicht so einfach zu finden», sagt Weniger, der im Hemd den Besuch in der Kälte empfängt. Sein Händedruck ist stark. Sein Blick ist freundlich. Sein Mund formt sich gleich bei der Begrüssung zu einem breiten Lächeln. «Ich bin Daniel», sagt er gleich zu Beginn. Während der schmale Weg zu einem kleinen ruhigen Quartier mit unzähligen Einfamilienhäusern führt, erzählt Weniger, dass er vier erwachsene Kinder hat - und Egli drei Kinder.

Weniger und Egli sind zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Egli – der an diesem Abend olivgrüne Schuhe, beige Stoffhosen, einen tannengrünen Pullover und darunter ein dunkelblaues Hemd trägt – ist eher ruhig. Seine Wortwahl bedacht. Er nimmt sich bei den Antworten immer Zeit. Weniger – er hat sich an diesem Tag für eine dunkle Jeans, ein geblümtes Hemd und beige Schuhe entschieden – rückt schneller mit einer Antwort aus. Aber trotzdem haben die beiden Flawiler viele Gemeinsamkeiten, die sie zu einer Einheit machen. Sie sind zusammen in die Primarschule gegangen. Sie haben zusammen an der Universität St. Gallen studiert. Sie haben zusammen in verschiedenen Bands musiziert. Sie waren beide Gerichtsschreiber. Sie sind heute beide Richter am Kreisgericht Wil in Flawil. Und seit bald 30 Jahren wohnen sie eben im gleichen Haus. «Wir kennen uns in- und auswendig», sagt Egli. Dass die beiden ständig zusammen und eng aufeinander seien, habe sich nie negativ auf ihre über 50-jährige Freundschaft ausgewirkt. «Das hat vielleicht damit zu tun, dass wir beide nicht den Drang zur Eskalation haben», erklärt Egli. «Und trotzdem haben wir den nötigen Abstand zueinander», fügt Weniger an.

Egli nimmt einen grossen Schluck Wasser und stellt das Glas vorsichtig auf das Keyboard. Er überlegt. «Ich kann nicht über den krassesten Fall, den ich im Gerichtssaal erlebt hatte, reden», sagt er nach wenigen Augenblicken. Er zuckt mit der Schulter. Findet dafür keine Worte. Er erklärt offen, dass er dies auch nicht möchte. «Diese Bilder, die seit dem in meinem Kopf sind, möchte ich niemandem weitergeben», so Egli, der Richter im Familienrecht ist. Denn es gehe um einen Fall, in dem ein Ehemann seine Frau zu unvorstellbar extremen sexuellen Handlungen gezwungen hat. Auch Weniger, der mehr im Strafrecht tätig ist, möchte nicht zu offen über solche Fälle reden. An dieser Stelle ist die bisher lustige und ausgelassene Stimmung plötzlich gedrückt und schwer. «Wenn wir von einer Enthauptung in einem islamischen Land hören, dann ist das so weit weg von uns, dass wir damit umgehen können», sagt Weniger. Würde er aber die Bilder beschreiben, die er von einer ähnlichen Schreckenstat in der Region gesehen hatte, «dann könnten die Menschen mit solchen Geschichten schlechter umgehen». Sie selbst hätten gelernt, mit solchen Fällen umzugehen. Diese nicht zu nahe an sich ran zu lassen. Ausserdem sei ihr beruflicher Alltag nicht vollgepackt mit tragischen Fällen. Im Gegenteil: Bei der Mehrheit der Gerichtsfälle gehe es um einfache Delikte oder alltägliche Sachverhalte. «Im Gericht wird übrigens auch oft gelacht», sagt Egli.

Er, Wolfgang Egli, ist ein Träumer. Sagt er zumindest von sich selbst. Denn nicht selten trifft man ihn nachdenklich an. Physisch ist er zwar in einem Raum, aber mit dem Kopf an einem völlig anderen Ort. «Bereits als Kind habe ich von einem Leben als Rockstar geträumt», erzählt er und lacht dabei herzlich. Und auch heute erwische er sich oft dabei, wie er mit den Gedanken abschweift. Beispielsweise an der Kasse in einem Lebensmittelladen. «Manchmal stehe ich da und weiss nicht, ob ich der Verkäuferin das Geld gegeben habe oder nicht», nennt Egli ein Beispiel, «so sehr kann ich in meine Gedanken vertieft sein». Heute träume er weniger von einer Rock-Karriere. In diesen Momenten sei er dann eher kreativ. «Ich denke über Texte und Melodien nach.» Und er, Daniel Weniger, ist ein Perfektionist. Er ist ein Mensch, der gerne organisiert und alles unter Kontrolle hat. «Ich bin auch immer derjenige, der vor jedem Auftritt kontrolliert, ob unsere Mikrofone eingeschaltet sind. Wolfgang macht das nämlich nie.»

Die beiden Flawiler sind sich bewusst, dass Richter als «langweilig und trocken» abgestempelt werden. Sie selbst seien aber der Beweis, dass dies nur ein Klischee sei. «Das hat nichts mit dem Beruf zu tun», ist Egli überzeugt, «sondern mit den Richtern selbst». Selbstverständlich gebe es auch Berufskollegen, die ihre Arbeit trocken ausüben. Stellt sich nun die Frage, ob sie ihren beruflichen Alltag auch mit in ihre Lieder und Dialoge packen? Weniger Egli grinsen. «Ja, das eine oder andere Mal haben wir das auch schon gemacht», antwortet Weniger. Aber ihre Lieder würden nicht ausschliesslich aus ihren Erlebnissen im Gerichtssaal entstehen.

Einer der nächsten Auftritte von Weniger Egli findet am 19. März 2020 im «Werk 1» in Gossau statt. Weitere Informationen und Auftrittdaten unter www.wenigeregli.ch.